"Zeitsäule "



10.November 2007 - 11.Januar 2008


Schaut man aus dem Schaufenster des Ausstellungsraums auf die Morgenstraße hinaus, bleibt der Blick fast zwangsläufig an der Litfaßsäule hängen, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht: ein seltsames Objekt – obwohl Relikt aus einer anderen, vergangenen Zeit, trägt sie doch Botschaften von zukünftigen Ereignissen auf ihrer Oberfläche. So verwundert es nicht, dass Moritz, der Protagonist eines Kinderbuchs von Christa Kozik gerade in einer Litfaßsäule Zuflucht vor einer als zu schnell und eindimensional wahrgenommenen Welt sucht, scheint sich doch in der Säule der lineare Ablauf der Zeit aufzuheben - Vergangenheit und Zukunft stehen gleichwertig nebeneinander. Genau dieses Nebeneinander von verschiedenen Zeitebenen greift Katharina Meister in der Ausstellung "Zeitsäule" mit ihrer ganz eigenen Bildsprache auf und schafft, ausgehend vom Ausstellungsort und dessen Geschichte, ein raumübergreifendes Zeitnetz, in dem subjektive Bezüge ganz selbstverständlich neben lineare Strukturen treten.
Die Ausstellung besteht aus fünf Arbeiten, die zusammen eine über den eigentlichen Ausstellungsraum hinausgehende Ebene schaffen, auf der Zeit und Raum als transparente Schichten stetig neue Verbindungen eingehen, die dem Betrachter zwar zahlreiche Anknüpfmöglichkeiten bieten, sich einem ordnenden Zugriff aber verweigern. Allein schon die Materialität der Arbeiten lässt beim Betrachter ein Gefühl des "dazwischen" entstehen, gibt es doch weder in Meisters Scherenschnitten, den Hinterglasobjekten, noch in den großen Arbeiten auf Transparentpapier mit ihren sich überlappenden und überlagernden Schichten und Strukturen eine eindeutige Hierarchie der Bildebenen. So steht der aus den Bildern wabernde Wald zwar für den Hardtwald, der für den Karlsruher Stadtplan weichen musste, ob die Linien des Straßennetzes in "Zeitsäule II" allerdings die Bäume zurückdrängen, das genaue Gegenteil der Fall ist oder sie gar eine Einheit bilden, bleibt letztlich unentscheidbar. In der konzeptionellen Arbeit "Zeitsäule I" lösen sich die Grenzen zwischen Bildraum und Betrachterraum schließlich nahezu völlig auf – die Litfaßsäule wird, wie ihr Pendant in "Zeitsäule V" als Hinterglasobjekt ein Teil der Ausstellung und der Betrachter tauscht den Platz mit der Figur in der Säule, mit der Meister auf Koziks Kinderbuch anspielt.
Meisters Arbeiten erzählen zwar Geschichten, folgen dabei aber keiner linearen Erzählstruktur. Vielmehr herrscht in ihnen eine Gleichzeitigkeit der Ebenen und Handlungsstränge vor, die den Betrachter immer wieder auf seinen eigenen Standpunkt zurückwirft und ihn so letztlich zum Teil der erzählten Geschichte werden lässt, in deren Gegenwart er eintaucht.