"a head ago"



28.01.11 - 20.02.11


Der Realismus in der Malerei ist eine Angelegenheit, die an sich nicht weiter zur Debatte steht. Wenn hin und wieder seine Rückkehr beschworen wird, dann zumeist aus den Randbereichen des Kunstgeschehens, wenn traurige Clowns oder pseudo-surreale Akte einen Markt suchen und das Ganze als mutiges Aufbegehren gegen die Doktrin der Moderne ausgegeben wird. Eine freilich sehr missverstandene Moderne; hatten doch gerade die Modernisten erkannt, dass die Wirklichkeit im Gemälde zuallererst in dessen Dasein als Malgrund und Farbauftrag besteht, und in der unmittelbaren ästhetischen Wirkung, die es auf die Betrachtenden hat. So ist die Wirklichkeit hier eben als das Wirken des Gemäldes in unserer Wahrnehmung selbst zu verstehen, und nicht als dessen nachahmender Bezug zu der Dingwelt, die uns umgibt. Dass dies in der späten Moderne zur absoluten Reduktion der Bildform führte, ist im Nachhinein eher als Konsequenz einer asketischen Geste zu deuten und nicht als zwingendes Resultat dieser Erkenntnis; denn jede ästhetische Wirkung wird sich im Rahmen der Erkenntnismöglichkeiten der Betrachtenden abspielen und somit auch darauf, dass unser Blick an der Dingwelt geschult ist. In der Tat können wir uns kaum dessen erwehren, auch im abstraktesten Bild etwas Bekanntes erkennen zu wollen – wenn nicht gleich ein Ding, dann zumindest die Weise, wie wir Dinge sehen: Über Schattenwürfe, Perspektiven, „natürliche“ oder „künstliche“ Form- und Farbfindung.


Mit „a head ago“ zeigt der Kunstraum: Morgenstraße ab dem 28. Januar 2011 eine Ausstellung mit Gemälden des Berliner Künstlers Gregor Gleiwitz, in der die Wirklichkeit des Gemäldes als dessen Wirken in den Vordergrund tritt. Gleiwitz' Gemälde sind Arbeit am Medium, wie sie Arbeit an seiner Wahrnehmung sind. Die Ölgemälde aus den Jahren 2009-2010, die im Kunstraum gezeigt werden, sind ebenso als Dekonstruktionen des Portraits zu betrachten wie als Annäherung daran; Gleiwitz braucht nicht erst – um eine allzu beliebte Floskel zu benutzen – „Wahrnehmungsgewohnheiten zu unterwandern“, um das künstlerische Bild zum Schauplatz einer Auseinandersetzung um die Möglichkeit des Darstellens und Erkennens zu machen. Der optische Effekt einer Tiefe wird hier niemals illusionistischer Trick sein, sondern ist immer als Moment malerischer Praxis erkennbar; ebenso ist hier nichts die Komposition künstlerischen Dogmas, sondern immer die Darstellung eines Bildraumes; eines Bildraumes, der für die Betrachtenden davor als Fortsetzung ihrer eigenen Wirklichkeit erlebt werden kann, und über ihre Wahrnehmung in diese hineinwirkt.



Vom Werden der Bilder
Für Gregor Gleiwitz

Wann beginnt ein Bild? Mit den ersten Markierungen auf der leeren Fläche, einzelnen Farbspuren und Pinselstrichen? Oder in dem Moment, in dem sich aus Formen, Linien und Flächen eine Gestalt herausschält, ein Raum, ein Körper, ein Gesicht erscheint? In dem Moment, in dem es, in einem einsamen Akt der Entscheidung, für beendet erklärt wird? Vielleicht ja erst in dem Moment, in dem es gesehen wird, tatsächlich erblickt und nicht bloß flüchtig im Vorbeigehen erfasst wird. Denn sogar der flüchtige Blick sieht immer schon mehr als nur das Bild – nämlich das, was es darstellt und was es bedeuten mag. Er sieht Ähnlichkeiten und Referenzen, er klassifiziert und benennt, ordnet ein und bewertet. Er sieht erinnerte Bilder und erkannte Formen. Vor allem aber bewegt er sich im Medium der Sprache, er weiß, was er sieht, fast schon bevor er es sieht, und sieht so im Grunde weniger als das Bild, er schaut durch das Bild hindurch auf das, was er darin erkennen glaubt.
Wann beginnt ein Bild – das scheint mir eine der Fragen zu sein, die Gregor Gleiwitz mit seiner Malerei stellt. Es ist tatsächlich eine Malerei, die uns Fragen stellt, nicht sehr laut, vielmehr mit leiser Stimme, so dass wir erst genauer hinhören müssen, um sie dann aber mit umso drängenderer Bestimmtheit zu hören. Eine Malerei, die Fragen stellt – das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Die Malerei der Moderne war allzu häufig eine Malerei der Antworten, der letzten Wahrheiten und eindeutigen Bestimmungen, eine Malerei, die immer wieder ihr eigenes Ende verkündete. Und was ihr in den 1970er und 80er Jahren folgte, war häufig eine Malerei der Behauptungen, der Posen und der Inszenierung, eine Malerei, die ihre eigen Fragwürdigkeit mit der Simulation von Sinn konterte. Die letzten Wahrheiten wollten keine Fragen mehr offen lassen, häufig schnitten sie kaum begangene Wege ab, statt neue aufzutun. Die inszenierten Posen wollten alle Fragen übertönen, und dafür schien ihnen jeder Weg gleich gangbar, solange ihre Schritte nur laut genug polterten.
Gregor Gleiwitz macht sich mit jedem Bild auf einen neuen Weg, und nicht immer scheint das Ziel dabei vorab bestimmt. Deutlicher aber sind die Fallen, denen es auszuweichen gilt, die Hindernisse, die das Fortkommen erschweren. Vielleicht sind Fallen solche, die er selbst aufgestellt hat, die Hindernisse solche, die andere als bequeme Pfade oder gar Abkürzungen sehen würden. Das Gesicht ist eine solche Falle. Eine Reihe von jüngeren Bildern Gregor Gleiwitz sind Bilder von, über und mit Gesichtern. Oder vielleicht genau das Gegenteil: Bilder, die versuchen, dem Gesicht zu entkommen. Keinesfalls sind es Porträts, ihre Gesichtshaftigkeit dient nicht der Darstellung einer Person, nicht der Repräsentation oder der Charakterisierung. Wir sind es gewohnt, in Gesichtern zu lesen, ihren Ausdruck zu registrieren, Emotionen und Affekte zu deuten, Rückschlüsse über das Innenleben unseres Gegenübers zu ziehen. Gesichter sind für uns bedeutsame Flächen, Zeichenkomplexe, Signale, die unser Verhalten steuern. Die Bilder von Gregor Gleiwitz nötigen uns ein anderes Sehen ab, ein Sehen, dass auf dem Sichtbaren beharrt, ohne zum sagbaren Sinn zu springen.
Es sind sprachlose Gesichter, Gesichter diesseits der Sprache. Die Sprache geht zergliedernd vor, analytisch, verallgemeinernd, sie bildet Begriffe und Sätze. Gregor Gleiwitz Bilder machen sich auf einen Weg der Verdichtung und Konzentration, plastisch modellieren und transformieren sie ihr Material, wie unter Druck entstehen die Formen, indem sie aus sich selbst herausgetrieben werden. Die Gesichter, die so zur Erscheinung gebracht werden, sind nicht Ausdruck eines unsichtbaren Dahinters, vielmehr Manifestationen der immanenten Kräfte, die in und an ihnen wirken. Was bleibt so vom Gesicht, wenn es nicht zu uns spricht, wenn es sich dem erkennenden Zugriff verweigert? Es bleibt die Präsenz, als reine Gegenwart, als Hier-und-Jetzt der Erscheinung. Diese Bilder behaupten ihre Präsenz nicht, vielmehr setzen sie sie in Gang: als Gegenwärtig-Werden, als Prozess der Intensivierung. Sie zeigen Formen, im Erscheinen begriffen, die uns auffordern, ihr Erscheinen zu begreifen.
Wo endet der Schädel, wo wird der Kopf zum Gesicht, wo das Gesicht zum Bild? Den Kräften, die das Gesicht zum Erscheinen bringen, stehen jene entgegen, die es immer wieder auch zum Verschwinden zu bringen drohen. Sichtbar und spürbar werden die Anstrengungen, den bloßen Kopf festzuhalten, stummer Körper zu bleiben, kein Gesicht zu werden zuzulassen. Eine Möglichkeit dazu: das Gesicht zu durchbohren, zu durchstoßen, um hinter das Gesicht zu kommen, nicht zum Sinn, sondern hin zur materiellen Basis, zur Architektur des Schädels. Manche von Gregor Gleiwitz’ Bildern lassen so den Blick in das Innere der Körper zu, sie tragen Schichten ab und bohren Schächte in die Tiefe. Sie sind wie Ausgrabungen, die Schädelbehausungen ans Licht zu bringen scheinen. Doch auf dieses Licht ist kein Verlass. Vielmehr steigen wir immer weiter hinab in verschachtelte Räume, in Höhlen und Gänge, wo sich nur in der Ferne trügerische Durchbrüche zu unsicheren Horizonten auftun.
Wann beginnt ein Bild? Und wann hört es auf? Es kann keine Antwort geben. Die Bilder von Gregor Gleiwitz, wenn wir uns auf sie einlassen, wir ihnen gegenüber treten und ihrem Blick standhalten, geben sich uns nicht zu erkennen, aber sie beharren auf ihrem Erscheinen, sie verbleiben im Werden. Ihre Intensität, ihre verdichtete Konzentration scheint sie versiegelt zu haben gegen den Zugriff der Sprache, die das Werden stets dem Sein, und die Offenheit und Möglichkeit stets dem Erkennbaren und Benennbaren opfert. Und versiegelt scheinen sie auch gegenüber der Zeit – so hören sie nicht auf zu beginnen, aufzubrechen und sich auf den Weg zu uns zu machen.

Roland Meyer, Berlin im Januar 2011